Tactile Paintings

Das Ziel dieses Projekts ist, einen Workflow zur Umwandlung von Gemälden in taktile Repräsentationen für Museumsführungen zu entwickeln. Zweidimensionale Kunst, ursprünglich für sehende Menschen gemacht, soll somit auch für blinde und sehbehinderte Menschen erlebbar werden. Der Fokus liegt dabei darauf, den Künstler so weit wie möglich beim Umwandlungsprozess durch geeignete computerunterstützte Methoden zu unterstützen, und die Produktion mittels Rapid-Prototyping zu vereinfachen.

Unsere Galerien sind voll wunderbarer Gemälde, manche so berühmt, dass diese fast jeder kennt. Blinde und sehbehinderte Menschen sind leider fast gänzlich aus dieser Welt der visuellen Künsten ausgeschlossen. Einige Museen bieten spezielle Führungen an, in denen ausgewählte Gemälde verbal beschrieben werden. Es ist jedoch sehr schwierig, sich ein mentales Bild alleine von akustischen Eindrücken zu verschaffen. Etablierte Taktile Diagramme (stilisierte Versionen von Gemälden, meist Liniengraphiken in Papier geprägt) vermögen zwar einen Überblick zu vermitteln, liefern aber nur einen sehr vereinfachten Eindruck. Handgemachte Relief-Plastiken auf der anderen Seite sind sehr detailliert und gut zu erfühlen, den vollständig manuellen Umsetzungsprozess können aber nur ausgebildete, begabte Bildhauer durchführen. Wir wollten einen Prozess, für den man keine speziellen, manuellen Fähigkeiten benötigt, und der die Umwandlung in unterschiedliche, möglichst originalgetreue, taktile Repräsentationen adequater Komplexität erlaubt.

 

Im momentanen Stand des Projektes haben wir einen computerunterstützten Prozess eintwickelt, der Bilder in drei, unterschiedlich komplexe, taktile Medien umwandelt. Dieser Prozess besteht aus drei aufeinanderfolgenden Stufen. Am Ende jeder Stufe sind jeweils die Daten für die Produktion eines taktilen Mediums verfügbar.

In der ersten Stufe werden wichtige Strukturen identifiziert, wobei Liniengrafiken entstehen, die die Bilder in semantisch sinnvolle Einheiten separieren. Diese Zeichnungen, vektorisiert und mit verschiedenen Füllmustern verdeutlicht, können für Taktile Diagramme verwendet werden.

Die zweite Stufe fügt Tiefe hinzu, etwas das ein sehr wichtiger Bestandteil in den meisten figurativen Gemälden ist. Das menschliche Auge ist trainiert diese versteckte dritte Dimension zu dekodieren, während der taktile Sinn bereits dreidimensionalen Input erwartet. Ein eigens entwickeltes, intuitives User Interface erlaubt es dem Künstler schnell Tiefenrelationen einzuzeichnen. Die Software weist dann jedem Objekt eine passende Tiefe automatisch zu. Das resultierende, diskrete Tiefenbild wird in Schichten konvertiert, die aus flexiblen Kunststofffolien mittels Laser-Cutter geschnitten, und aufeinander geklebt werden. Es entstehen sogenannte "Layered Depth Diagramme".

In der dritten Stufe wird Texturinformation aus den Gemälden mit einstellbaren Filtern extrahiert (ähnlich zu Verarbeitungsschritten im menschlichen Auge) und über die Layered Depth Diagramme gelegt. Die dadurch entstehenden "Texturierten Reliefs" können mit computergesteuerten CNC-Fräsmaschinen hergestellt werden. Es dauert mehrere Stunden, bis die feinen Fräser alle feinen Details herausgearbeitet haben. Es musste eigene Software zum Erzeugen der Maschinen-Codes entwickelt werden, da keine erhältliche CAM-Software diese hochdetaillierten Daten bearbeiten konnte. Von einem Negativabdruck können dann mehrere Kopien gegossen werden. Etliche Materialien wurden getestet, bis ein strapazierfähigs, schmutzabweisends und angenehmes Material gefunden wurde.

 

Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Wien durchgeführt und von KulturKontakt Austria im Auftrag des BMUKK gefördert. Vier Texturierte Reliefs von drei Gemälden mit Begleitbroschüre in Brailleschrift sind bis jetzt verfügbar, und Spezial-Führungen werden angeboten.

 

Videos

 

Links

 

Publikationen/Talks

  • A. Reichinger, S. Maierhofer, W. Purgathofer, High-Quality Tactile Paintings. In Eurographics 2011 - Areas Papers, April 2011, pp. 1-8 (PDF).
  • A. Reichinger, Gallery Paintings for Blind and Visually Impaired People, Talk at SpaceX - An Exchange Forum on Information Design for Visually Impaired People, Vienna, October 25-26, 2010.


Awards

 

Präsentationen

 

Presse, Berichte, TV

 

Beispiele

 

Raffael, "Madonna im Grünen", 1505 oder 1506.

KHM Bilddatenbank

 Liniendiagramm und Layered Depth Diagram zu Detail von Raffaels

Liniendiagramm und Layered Depth Diagram.

 Textured Relief zu Raffaels

Textured Relief.

 Textured Relief zu Detail von Raffaels

Textured Relief zu Detail-Vergrößerung.

 

Jean Fouquet, "Der ferraresische Hofnarr Gonella", um 1445.

KHM Bilddatenbank

 Tactile Paintings: Textured Relief zu Jean Fouquets,

Textured Relief

 

Albrecht Dürer, "Maria mit Kind", 1512 datiert.

KHM Bilddatenbank

 Textured Relief zu Albrecht Dürers,

Textured Relief.

 

Weitere Informationen

Projektmanager
Dipl.-Ing. (FH) Andreas Reichinger
Start
01.02.2010
Dauer
6 Monate
Partner
Kunsthistorisches Museum
Funded by
KulturKontakt Austria